Grit Poppe/ Autorin Grit Poppe/ Autorin

Romane



Angstfresser

Taschenbuch
352 Seiten
20,00 €
Mitteldeutscher Verlag
ISBN 978-3-96311-239-3
Erscheinungsdatum: Februar 2020

Der erste Satz


Durch den dünnen Stoff seines Hemdes spürte er das Gemäuer, an dem er lehnte, und einen Moment stellte er sich vor, an einem Felsen zu stehen, irgendwo auf einer fernen Insel.

Inhalt


Angstfresser, der (lat. Hirudo Timor), blutegelähnlicher Parasit, der in der traditionellen chinesischen Medizin als Therapie gegen Angst- und Panikzustände sowie Traumata eingesetzt wird. Auf anfängliche Nebenwirkungen wie Albträume, Halluzinationen, Wiedererleben früherer Gefühlszustände folgen rapide, kontinuierliche Therapieerfolge.

Scheinbar.
Kyra, eine labile junge Frau, die an den Gespenstern ihrer Vergangenheit zu zerbrechen droht, sieht die Therapie mithilfe eines Hirudo Timors als ihre letzte Chance, sich von ihren Ängsten zu befreien. Doch was ist Schreckliches passiert, dass jedwede Erinnerung an ihre Kindheit aus ihrem Gedächtnis wie ausgelöscht erscheint? Nach und nach kann sie sich von ihren posttraumatischen Belastungsstörungen befreien. Doch plötzlich kehren die Erinnerungen zurück und die Vergangenheit holt sie wieder ein …

Leseprobe


Ich irre durch die Straßen ohne Ziel. Genauer gesagt: Ich denke nicht über ein Ziel nach. Der Hirudo, mein ständiger Begleiter, wärmt mich. Sein Leib ist wärmer als meiner. Er scheint noch zu schlafen, bewegt sich nicht. Ich trage einen Rucksack bei mir mit den Berichten. Ich habe auch den Gummiknüppel eingepackt. Man weiß nie, wozu man einen Gummiknüppel so gebrauchen kann. Auch wenn mein Verstand mir sagt, dass es sich nicht um einen Gummiknüppel handelt. Verwandelt er sich zurück, wenn ich weit genug laufe?
Der Vollmond hängt immer noch über mir, doch er wird blasser. Ich spüre seine Anwesenheit, ohne ihn anzusehen. Er verfolgt jeden meiner Schritte. Vielleicht schickt er mir einen Meteoriten.
Es kommt mir seltsam vor, dass so viele noch in ihren Betten liegen. Warum begraben wir uns freiwillig Nacht für Nacht unter einem Berg von Daunenfedern? Warum überwinden wir die Müdigkeit nicht auf andere Weise? Warum sehnen wir uns nach einer Zeit der Bewusstlosigkeit? Wer ist überhaupt wir?
Wir gibt es nicht.
Im Augenblick bin ich mir allerdings auch nicht sicher, ob es ich wirklich gibt.
Mein Ich ist an einen Zwitter gekoppelt. Mein Ich ist ein Experiment mit mir selbst.
Meine Ärztin würde sich auf ihrem Drehstuhl winden, wüsste sie davon. Vermutlich würde sie sich beim Anblick meines Schmarotzers auf ihren himmelblauen Teppich übergeben. Sie würde keine Sekunde zögern, mich in ein Irrenhaus zu schicken. Geschlossene Abteilung. Ihre Tabletten liegen jetzt in der Kanalisation. Sollen die Ratten sie doch fressen. Amitriptylinhydrochlorid. Wohl bekomm’s.
An einer gelbfleckigen Wand hockt eine Ratte. Sie lächelt mir zu. Mit glasigem Blick. Halb bewusstlos.
»Das hast du nicht verdient«, flüstere ich ihr zu.
Ich hätte die Tabletten anders entsorgen sollen. In den Kaffee der Ärztin zum Beispiel. Soll sie doch mit sich selbst experimentieren. Die Wut steigt in mir auf wie der Gestank aus dem Gulli, um den ich einen Bogen mache. Der Gestank bleibt natürlich. Ich kann Bogen machen, so viel ich will.

Der letzte Satz


»Lauf …!«


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