Grit Poppe/ Autorin

Über mich

Biografie

Am Samstag, den 25. Januar 1964, soll es geschneit haben; die Straße zwischen Klütz und Boltenhagen war jedenfalls glatt und ungemütlich, so dass der Taxifahrer, der meine Mutter nach Boltenhagen chauffierte, sich fürchtete, dass ich in seinem Wagen zur Welt kommen würde. Aber die Sorge war umsonst, meine Mutter schaffte es noch rechtzeitig in das kleine Krankenhaus – nur ein paar Meter von der Ostsee entfernt. Meine Lieblingsaussicht ist also schon von Geburt an: der Meerblick.

Später verschleppten mich meine Eltern aus Mecklenburg, und leider war ich zu klein, um mich dagegen wehren zu können. Ich musste also in Stahnsdorf ohne Meer auskommen. Dafür gab es einen Friedhof mit viel Wald; auf dem verwilderten Teil spielten wir, mein Bruder und ich, unsere Freunde und Freundinnen Indianer und bauten Tipis, auf der Wiese rannten wir dem Fußball hinterher. Etwa in der Zeit als ich zur Schule kam, ließen sich meine Eltern scheiden, und mein Vater zog nach Berlin. Die Sommerferien verbrachte ich bei meiner Großmutter in Klütz – am Strand von Boltenhagen, im Park Bothmer, auf Pferdekoppeln und an Teichen, im Kino, in dem es vor jedem Film dreimal gongte, und in der Klützer Bibliothek. Kindergarten und Schule „absolvierte“ ich in Stahnsdorf. Tja, was soll ich sagen, es war wohl das Übliche, die Begeisterung hielt sich in Grenzen. Ich hatte ein Hass-Fach: Sport und ein Lieblings-Fach: Deutsch. Obwohl ich die 10. mit „Sehr gut“ abschloss, durfte ich kein Abi machen. Die (ungenannten) Gründe waren politisch, das war mir damals schon klar. (Mein Vater stand durch seine Opposition zum Staat DDR in Misskredit und damit all seine Verwandtschaft.) Aber die Ablehnung war mir relativ egal; ich wollte sowieso nur eins: Schreiben. Seit der fünften Klasse wollte ich (nach früheren Berufswünschen wie Pirat und Indianerhäuptling) Schriftstellerin werden. Ich schrieb Geschichten über Indianer und besuchte einige Jahre den „Club der jüngsten Poeten“ im Kulturhaus Babelsberg. Herr Klingler, ein Autor aus Berlin, trank gern Buttermilch aus der Flasche, rauchte Karo und las uns Geschichten von Ernest Hemingway und anderen Weltliteraten vor. Mit den Texten der schreibenden Kinder ging er sehr sorgfältig, behutsam, geduldig und professionell um. Ich lernte von ihm, was eine Kurzgeschichte ausmacht, wie man Reportagen schreibt und Romane strukturiert. Durch Hemingways Storys bewies er uns z. B. warum ein offener Schluss (meist) besser ist als ein Happy End.

Meine Ausbildung suchte ich mir dann aus praktischer Erwägung: in der Lehre zum „Facharbeiter für Schreibtechnik“ lernte man das Schreibmaschine-Schreiben (natürlich fehlerfrei und im Akkord), und der Duden wurde eine zeitlang das wichtigste Buch. Nach der Ausbildung arbeitete ich als „Springer“ im DEFA-Studio für Spielfilme, jobbte mal in der Dramaturgie, mal als Ateliersekretärin beim Film-Dreh (bei so „netten“ Serien wie „Front ohne Gnade“), und landete schließlich in der Kostümabteilung. Ich bewarb mich zum Fernstudium nach Leipzig ans Literaturinstitut und wurde genommen. Aus der Kostümabteilung wollte ich nichts wie weg, und ich wechselte in die Filmhochschule Babelsberg in die Dramaturgie, studierte nebenbei, und begann damit Filmszenarien für Studenten zu schreiben. Ich bewarb mich zum Direktstudium (Literaturinstitut), wurde erst abgelehnt, dann doch noch genommen. Die Gründe dafür erfuhr ich erst nach der Wende. Natürlich hat auch das Literaturinstitut in der DDR mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet. (Und der Grund für die Aufnahme war, dass die Stasi mich meinem Vater „entfremden“ wollte.) Das Studium selbst war zum Teil schrecklich langweilig; Leipzig (damals) eine hässliche graue Stadt. Aber ich fand auch hier Fluchtpunkte: Cafés, Kinos, Bibliotheken. Ich befasste mich mit Franz Kafka und mein Abschlussessay hieß „Angst und Kunst“ und beschäftigte sich mit Kafka und Alfred Hitchcock, als Künstler der Angst. Außerdem setzte ich mich während des Studiums intensiv mit dem Thema Nationalsozialismus auseinander und schrieb eine umfangreiche Abhandlung über die Erziehung im Dritten Reich. In dieser Zeit arbeitete ich auch an einem Roman (der nie gedruckt wurde) und an Erzählungen, von denen schließlich einige veröffentlicht wurden („Der Fluch“, Mitteldeutscher Verlag Halle). In zwei der Geschichten ging es im Grunde darum, wie man in der DDR vom braven Bürger zum Vampir werden konnte. Nach dem Studium (1988) wurde ich freiberufliche Autorin und schrieb Szenarien für Filmstudenten.

1989 begann ein anderes Zeitalter. Die Friedliche Revolution in der DDR zu beschreiben würde hier den Rahmen sprengen. Ein paar Details finden sich in meinem ersten Roman „Andere Umstände“. Die Demonstrationen 1989 erlebte ich als Wunder und als Befreiung. Plötzlich war da so viel Energie und Euphorie, und die bisher heimliche Wut der Masse gegen das System und die Stasi wurde laut herausgeschrieen. Mit einer kleinen Gruppe junger Leute schloss ich mich der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt an und gründete schließlich in Potsdam ein Landesbüro für Brandenburg. Im Unterschied zum Neuen Forum besaß Demokratie Jetzt ein klares Programm und wollte die SED entmachten. Direkte Demokratie und Durchsetzung der Menschenrechte waren unsere Schwerpunkte. Wir besetzten das „Lindenhotel“ in Potsdam, also den ehemaligen Stasiknast, saßen mit am „Runden Tisch“, organisierten Demos und halfen dabei die Stasi aufzulösen (konkret mussten wir z. B. einmal bei einer Nacht- und Nebelaktion die Übergabe der Waffen kontrollieren). Dass wir von all dem leicht überfordert waren, und manchmal nur so taten, als wüssten wir, was wir da tun, sei hier nur am Rande erwähnt. Trotzdem: Es war eine unglaublich spannende Zeit!
Dass ich schließlich Landesgeschäftsführerin von Demokratie Jetzt wurde, hing wohl damit zusammen, dass ich die einzige in unserer Gruppe war, die damals keinen festen Job hatte. (Die Welle der Arbeitslosigkeit kam ja erst später.) Mit der Wiedervereinigung und den überhasteten Wahlen veränderte sich die politische Arbeit natürlich. Wir wurden zu einer Quasipartei, mussten Listen für die Wahlen aufstellen und Wahlkampf machen. Leider hatten wir auch andere Gruppen im Boot (die so genannte Listenverbindung Bündnis 90 setzte sich aus verschiedenen Gruppierungen zusammen), unter anderem die Grünen, die in Potsdam sehr fundamentalistisch waren und in deren Büro die DDR-Fahne hing. Eine inhaltliche Zusammenarbeit mit ihnen war nicht möglich und so ging es nur noch um Listenplätze der Kandidaten. DJ und später dem Bündnis 90 gelang es schließlich in zähen, nervenaufreibenden Verhandlungen die fähigsten Kandidaten von uns durchzusetzen. Das waren damals: Konrad Weiß, Marianne Birthler, Matthias Platzeck und Günter Nooke. Als auf Bundesebene der Beschluss gefasst wurde, Bündnis 90 und die Grünen zusammenzuschließen, war mir klar, dass dies das Ende der Bürgerbewegungen war. Kurz: ich wurde schwanger und stieg aus. Mit der Euphorie des Jahres 1989 war es sowieso längst vorbei.

Das Private wurde wieder wichtiger: Ende 1991 wurde mein Sohn geboren. (Ohne Meerblick. Ich wohnte indessen in Potsdam.) „Plötzlich“ war ich Mutter; das Leben veränderte sich mal wieder von einem Tag auf den anderen. Das Stillen, die schlaflosen Nächte, der erste Zahn, der erste Schritt… Das erste Wort lautete „Ball“ und bezeichnete alles, was rund war. (Noch heute ist es ein Lieblingswort: denn am liebsten läuft mein Sohn dem Fußball hinterher.) 1992 starb mein Bruder bei einem schrecklichen Arbeitsunfall, mit gerade mal 25 Jahren. Es war ein kaum zu verkraftender Einschnitt ins Leben. Er fehlt uns noch immer sehr.

Im Sommer 1995 wurde meine Tochter geboren. Es war so heiß und schwül an dem Tag, dass es ein Gewitter gab. Sie kam ein paar Tage später als geplant und hatte ziemlich lange Fingernägel. Ihre Ohren waren so weich, dass man sie einrollen konnte wie Kuchenteig.

Hin und wieder schrieb ich Geschichten, und schließlich hatte ich genug zusammen für einen Erzählungsband. Aber die Verlage winkten ab. Erzählungen verkaufen sich nicht, lautete das Motto. Melden Sie sich doch wieder, wenn Sie einen Roman geschrieben haben.
Also schrieb ich einen. 1997 verbrachte ich drei Monate in Wiepersdorf mit einem Aufenthaltsstipendium und beendete dort den Roman. Ich stellte meine Arbeit den anderen Stipendiaten bei einer Lesung vor, und der Lyriker Gerald Zschorsch vermittelte, nachdem er das gesamte Manuskript gelesen hatte, „Andere Umstände“ zum Berlin Verlag. Innerhalb kürzester Zeit erhielt ich einen Vertrag und das Buch erschien im Herbst 1998. Noch bevor der Roman in den Buchhandlungen lag, bekam ich Anrufe und Besuche u. a. von Journalisten der Zeitschriften „Stern“ und „Spiegel“. Rowohlt kaufte die Taschenbuchrechte; es gab z. T. enthusiastische Rezensionen und ich wurde zu vielen Lesungen (auch ins Ausland) eingeladen. Natürlich freute ich mich über den Erfolg, aber wunderte mich zugleich: in dem Roman steckten immerhin auch die Geschichten, die die Verlage (als Erzählungen) nicht drucken wollten.
Es folgte „Alabusch und das Herz des Vulkans“, ein Vampirroman (ab 12), der im Altberliner Verlag veröffentlicht wurde. Nach verschiedenen Erzählungen in Anthologien erschienen der Roman „Geteiltes Glück“ im Gustav Kiepenheuer Verlag und „Käpten Magic“ für Kinder ab 10 (Dressler Verlag) und die vier Bände über den Drachen „Dragid Feuerherz“ (ab 8, Arena Verlag). 2009 erschienen im Dressler Verlag „Anderswelt“, ein Urzeitabenteuer für Kids (ebenfalls ab 10) und der Roman „Weggesperrt“ (für Jugendliche ab 14 und Erwachsene).
Besonders „Weggesperrt“, die Geschichte über die 14jährige Anja, die in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau gerät, stieß auf eine große Resonanz sowohl in den Medien als auch bei den Lesern. Der „Dokumentarroman“ (wie ein Journalist das Buch bezeichnete) erhielt den Gustav-Heinemann-Friedenspreis für Kinder- und Jugendbücher (im September 2010) sowie weitere Auszeichnungen und erschien innerhalb eines Jahres in sechs Auflagen.
Ich danke all meinen Lesern und wünsche weiterhin spannende Lektüreerlebnisse!

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