Grit Poppe/ Autorin Grit Poppe/ Autorin

Sachbücher



Die Weggesperrten

Umerziehung in der DDR - Schicksale von Kindern und Jugendlichen

Geschichte/Zeitgeschichte
Propyläen Verlag
Hardcover mit Schutzumschlag
416 Seiten
ISBN: 9783549100400
Erscheinungsdatum: 27.09.2021

Niklas Poppe, geboren 1991 in Potsdam, Lehrbeauftragter an der Martin-Luther-Universität in Halle (Saale), studierte dort Deutsche Sprache und Literatur sowie Geschichtswissenschaft und arbeitet als freier Mitarbeiter in verschiedenen Gedenkstätten.

Der erste Satz


Während im Sommer 1989 Tausende DDR-Bürger über die Botschaften in Prag, Warschau und Budapest in den Westen flohen und im Herbst der Friedlichen Revolution in Leipzig, Berlin, Plauen und anderen Städten der DDR immer mehr Menschen auf die Straße gingen, herrschte im Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau noch der alltägliche, seit der Gründung 1964 nahezu unveränderte Wahnsinn.

Inhalt


Unerzogen, aufsässig, unverbesserlich – wer sich in der DDR nicht zur staatskonformen Persönlichkeit formen lassen wollte, erhielt solche Attribute und wurde oft in Umerziehungsheimen, Spezialkinderheimen, Jugendwerkhöfen weggesperrt. Denn Angepasstheit und das Funktionieren im Kollektiv galten der SED als unverzichtbar für den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft. In das Leben renitenter Kinder und Jugendlicher wurde massiv eingegriffen, ihre Menschenrechte trat man mit Füßen. Viele von ihnen sind bis heute traumatisiert von den psychischen und physischen Misshandlungen. Grit und Niklas Poppe erklären anhand berührender Schicksale dieses wenig beachtete brachiale Umerziehungssystem und betrachten auch den Umgang mit "Schwererziehbaren" zur NS-Zeit, das Schicksal der „Verdingkinder“ in der Schweiz sowie fragwürdige Methoden in der Bundesrepublik und in Heimen der Gegenwart.

Leseprobe


An einem gewöhnlichen Tag im Jahr 1980 lief ich den gewöhnlichen Schulweg entlang. Ich war 11 Jahre alt und alles schien wie immer. Doch das änderte sich von einem Moment auf den nächsten: Ein Wagen stand am Straßenrand und ich sah zwei Männer vor dem Auto stehen. Sie starrten mich an, einer nickte in meine Richtung. Ich bekam ein mulmiges Gefühl. Automatisch ging ich schneller. Einer der beiden lief mir nach und holte mich im nächsten Augenblick ein. Mit einem raschen Griff hielt er mich am Ranzen fest. Ich konnte nicht weglaufen, war wie erstarrt vor Schreck. Meine Oma hatte mich immer gewarnt vor Männern, die mit Kindern üble Sachen machen. Ich durfte auf keinen Fall mit Fremden mitgehen, wurde mir immer wieder eingeschärft.
Doch die Männer ließen mir keine Wahl. Mit den Worten: „Wir bringen dich jetzt in ein Heim“, zerrten sie mich zum Auto. (…)
Mit dieser Entführung hatte sich mein Leben schlagartig verändert.
Von einem normalen Schüler wurde ich zum Heimkind, zum Insassen einer Umerziehungseinrichtung, zum „Zögling“.
Erklärt wurde mir meine Einweisung nie.

Der letzte Satz


Denn mit diesem Wissen und der Achtung vor dem oft lebenslangen Leid kann man das Wegschauen vor missbräuchlicher Machtausübung und die damit verbundenen Menschenrechtsverletzungen in Zukunft vermeiden.

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