Grit Poppe/ Autorin

Special

Der Hintergrund zum Roman „Schuld“

Im Jugendhaus Halle

Interview mit Stefan Lauter über seine Erfahrungen in „Jugendhäusern“ (Jugendhaftanstalten in der DDR)

Stefan Lauter
Fahndungsfoto mit dem 16jährigen Stefan (Jugendhaus Halle)

Wie alt warst Du, als Du das erste Mal in ein Jugendhaus kamst? Was hast Du dort erlebt? Wie hast Du Dich gefühlt?

Das erste Mal war ich gerade 15 Jahre alt, das war im Sommer 1982. Es war eine schreckliche Erfahrung für mich das erste Mal hinter Gittern zu sitzen und überhaupt Haftalltag. Gefängnisschleusen, Gitter, Wachhunde und hohe Mauern zu sehen und zu wissen, dass man auf den Wachtürmen auch Maschinenpistolen (AK 47) hatte. Zum Glück war es nur eine Arreststrafe von 4 Wochen, 17 Tage in U-Haft Berlin-Rummelsburg und für 11 Tage noch ins JH Wriezen.

Auch die Jugendlichen wurden per „Grotewohl-Express“ in die Jugendhäuser verfrachtet. Wie ist es Dir während des Transports ergangen?

Es war im Hochsommer jeweils, die Zellen waren eng, es war stickig und heiß, kaum frische Luft, zu wenig zu trinken, auf Toilette durfte ich nicht, obwohl wir stundenlang unterwegs waren. Ich hatte eine Heidenangst in diesem Gefangenenzug.
Am schlimmsten war das Umsteigen in Halle/Saale vom Zug in den Gefangenen–LKW, da wurden wir zu je zwei Mann in Handschellen gefesselt, von Wachhunden und Polizisten getrieben, über den Bahnsteig in die Katakomben gejagt bis zum LKW. Die Wachleute waren schwer bewaffnet mit Sturmgewehren (AK 47), die ganz sicher scharf geladen waren. Da war ich 16 Jahre alt und mein Leben ist akut bedroht, ein falscher Schritt, ein Kommando nicht befolgt und ich hätte die Knarre an der Schläfe oder im Rücken gehabt... oder sie hätten gar geschossen. Auf dem Bahnsteig standen Leute, auch Familien mit kleinen Kindern, die verschreckt zu uns herüberschauten, als ob wir alle Mörder wären. Dabei hatte ich kaum etwas  wirklich Schlimmes verbrochen (unbefugte KfZ-Benutzung und leichte Körperverletzung).

Ich möchte heute gar nicht mehr drüber nachdenken müssen.

Wie sah für Dich der „Alltag“ im Jugendhaus Halle aus?

Der Alltag war bestimmt von Arbeit in drei Schichten, also Früh-, Spät-  und Nachtschicht, obwohl Lehrlinge in der DDR eigentlich nachts nicht arbeiten durften. In Halle/S. war das egal. Eine Woche im Monat war Berufsschule, also von 08:00 – 16:00 Uhr.

In der Freizeit mussten wir viel auf dem Gefängnishof exerzieren oder Sport machen. Es gab aber auch individuelle Freizeit auf der Station, wo man lesen konnte oder Brett- und Kartenspiele spielte.

Der Alltag war aber auch von sehr viel Gewalt unter den Jugendlichen selbst geprägt, Diebstahl, Raub, Erpressung, Nötigung und sexuelle Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung, Körperverletzungen bis hin zu versuchtem Totschlag oder gar versuchten Mord. Ich habe all diese Gewaltformen von Jugendlichen dort persönlich erlebt, einiges ging an mir (körperlich) vorbei, aber ich sah z. B. wie andere Jungs von Mithäftlingen fast tot geprügelt und/oder vergewaltigt wurden.

Die Hilflosigkeit die ich damals verspürte, das Nicht-Einschreiten-Können, weil ich sonst selber dran gewesen wäre, lässt mich bis heute sprach- und fassungslos … fast schon gebrochen zurück.

Wie wurden die Jugendlichen von den Erziehern und „Schließern“ behandelt?

Vordergründig korrekt, teilweise sogar recht menschlich, man versuchte von Seiten der Wachleute und der „Erzieher“ keine unnötigen Härten ins Spiel zu bringen. Gab es jedoch Probleme mit Häftlingen,  kam es auch zu Übergriffen der Polizisten, der Gummiknüppel war des Öfteren im Einsatz. Unterlassene Hilfeleistung, wenn man Opfer von Gewalt anderer Jugendlicher wurde, war die Regel und Hilfe Seitens der Polizisten eher die Ausnahme. Um die Wiedereingliederung vor der Entlassung wurde sich auch nur halbherzig gekümmert, das überließ man gerne den Behörden draußen, z. B. der Staatsanwaltschaft und dem Gericht, oder auch den Jugendämtern und Eltern.

Welche Sanktionen gab es?

Arrest, Essensentzug, Strafreinigen der Station (blockern), Strafsport in der Freizeit, körperliche Gewalt (Knüppel).

Wie war der Umgang der Insassen untereinander?

Größtenteils sehr mies, es entwickelten sich für mich keine Freundschaften, lediglich „Kumpaneien“ (sogenannte „Spannerschaften“), wo man sich gegenseitig so gut es ging half.

Welche Gewalterfahrungen hast Du gemacht?

Ich bin mehrfach zusammengeschlagen worden von anderen Jugendlichen, einmal auch von einem Offizier (Erzieher) des Strafvollzuges mit „Totschläger“, ich wurde beraubt, bestohlen, erpresst, ich bekam am Anfang mehrfach eine „Mütze“ im Speisesaal (auskippen von einer Schüssel voll Marmelade oder gar heißer Suppe auf dem Kopf von hinten), dreimal verschärfter Einzelarrest (Isolierung).

Gab es zu Deiner Zeit auch Widerstand und Rebellion im Jugendstrafvollzug?

Nur einmal … das war kurz vor dem 07. Oktober 1984, da hofften alle Insassen auf eine Amnestie zum 35. Jahrestag der DDR... da gab es eine Gefängnisrevolte regelrecht. Die wurde aber von externer Bereitschaftspolizei niedergeknüppelt und eine Amnestie gab es in dem Jahr auch nicht.

Was fällt Dir als erstes ein, wenn Du an Deine Zeit im Jugendhaus Halle denkst?

Die Sinnlosigkeit der überharten Strafe bei meinen Bagatelldelikten und natürlich die massiven Gewalterfahrungen, vor denen mich dort keiner schützte. Aber auch der Verlust meiner „Jugendliebe“ mit anschließendem Suizidversuch ist sofort in meinem Gedächtnis präsent, wenn ich ans JH Halle/S. denke.

Welche grundlegenden Unterschiede gab es zwischen dem Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau und dem Jugendhaus Halle?

In Halle gab es noch einen Rest an Menschlichkeit seitens des Haftpersonals den Insassen gegenüber, ich konnte eine Facharbeiterausbildung machen, ich hatte in der Freizeit z. T. individuelle Freiräume innerhalb der Haftanstalt, die medizinische Versorgung war den Umständen entsprechend gut. Die ersten Monate in Halle konnte ich in meiner Freizeit in der Bibliothek arbeiten, das verschaffte mir Freiraum, Ruhe vor der Gewalt der anderen Jugendlichen und auch kleine Vergünstigungen wie einen zusätzlichen Paketschein.

In Torgau waren genau diese Punkte komplett anders, auch den Drillsport wie in Torgau gab es in dieser Härte in Halle nicht.

Als ich am 22. November 1984 endlich aus der Haft entlassen wurde, dachte ich, dass es nie mehr schlimmer kommen könnte. Doch es kam schlimmer… auf mich wartete Torgau!

Wertgutschein
Wertgutscheine benutzte man in Haftanstalten als Zahlungsmittel

Grothewohl-Express
Im "Grotewohl-Express" wurden auch jugendliche Gefangene transportiert. Die Zellen im Bahnwaggon waren 1 m x 1,34 m "groß".

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