Grit Poppe/ Autorin

Special

Der Hintergrund zum Roman „Schuld“

Die Mauer, wie ich sie sah

Als am 9. November 89 ein offensichtlich verwirrter Mann namens Schabowski vor laufenden Kameras etwas verkündete, woran er wohl selbst nicht recht glauben konnte, war ich zunächst ratlos. Ich entnahm dem Gestammel, daß es „demnächst“ jedem DDRler auch ohne sogenannten Grund gestattet sein würde, in den Westen zu reisen. Und obwohl oder gerade weil ich die kleinen und großen Demonstrationen in den letzten Tagen und Wochen mitgemacht hatte, konnte ich mir nicht vorstellen, daß jene undurchsichtigen Worte heißen sollten oder könnten: die Mauer fällt. Die Menschen auf den Demos hatten (noch) anderes im Sinn.
Die Mauer, die wie ein dicker Ring um Westberlin lag und doch die Menschen in der DDR eingesperrt hatte und zu Insassen werden ließ, erschien mir und anderen undurchlässig; meine Generation war sozusagen in staatlichem Gewahrsam aufgewachsen, und wir kannten es nicht anders: Es gab die Mauer, wie es Gefängnisse und Kasernen gab, nur daß sie mit mehr Geheimnis, mehr Haß und Tod umgeben war als jedes noch so grausige Gebäude in der DDR, ausgenommen die ehemaligen Konzentrationslager der Nazis.

Der Ort bei Potsdam, in dem ich aufwuchs, lag an der Mauer. Als Kind lief ich auf stillgelegten Schienen, unter toten Brücken entlang, die allmählich vor sich hinrosteten.
„Fünf Minuten bis Wannsee“, hieß es bei den Älteren, die noch davon erzählen konnten, wie sie die Badehose eingepackt hatten. Für uns Kinder war es eine Geschichte von vielen, die die Erwachsenen erzählten, die sich wiederholten und die wir immer wieder gern und neidisch hörten. Aber als wir an jenen Gleisen spielten, uns mit Russenkindern prügelten oder Steine schmissen, um uns hinterher zu vertragen (was anstrengender war) und manchmal die Papyrossi als Friedenspfeife zu rauchen, dachten wir nicht an diese Geschichte; es war eben nur eine Erinnerung aus einer Zeit, in der es uns noch nicht gegeben hatte, also ewig lange her.
Das Gebiet zwischen NVA- und Russen-Kasernen und der Mauer war unser alltäglicher Spielplatz. „Natürlich“ kamen wir nicht bis an die Mauer heran; es gab Verbotsschilder (die wir manchmal im Spiel übersahen), aber es gab auch bewaffnete Posten und Hunde vor der Mauer, die „dort hinten“ irgendwo stand. Zu diesem Spielplatz gehörte der verwilderte Teil eines großen Waldfriedhofes, und ebenso, wie sich der Förster geärgert haben mag über die Wigwams, die wir in unserem „Dschungel“ bauten, haben sich vielleicht die Grenzer erschrocken, als vor ihren Gewehrläufen plötzlich Kinder auftauchten. Die Männer saßen oben in den Bäumen, und sie sahen uns, bevor wir sie erkennen konnten, da brüllten sie schon zu uns herunter, lauter und wütender, als wir es selbst von manchem unserer Lehrer gewohnt waren. Kaum zu erwähnen brauche ich wohl, daß auch mir die Knie schlotterten. Schließlich hatten wir es immer wieder gehört: daß Leute erschossen wurden an dieser Mauer.
Auf der Fahrt mit der S-Bahn (Ost) konnte ich dann sehen, daß es sie wirklich gab: sie sah weiß und langweilig aus, sie wirkte so nüchtern wie die Tatsache, daß wir mit ihr leben mußten und lebten. Daß sie auf der West-Seite kunterbunt angemalt war (wie die schwarz-weißen VEB-TVs ahnen ließen), galt nur als ein Beweis von unendlich vielen, „daß Drüben alles anders ist“. Westberlin, dessen Häuser in greifbarer Nähe schienen, ähnelte eher einer Fata Morgana: man konnte wohl darauf zulaufen, aber würde es niemals erreichen.
Was hinter der Mauer lag, war unser Kafka-Schloß: ob es nun New York, Venedig oder Hamburg hieß. Hätte man uns Kinder im Spiel gefragt, wer wir sind und welcher Nationalität wir wohl angehören würden, wäre meine Antwort ziemlich eindeutig gewesen: wir sind Indianer vom Stamm der Dakota. So etwas Langweiliges wie eine Deutsche wollte ich nie sein. Als Kind wußte ich, in welchem US-Staat die Black Hills liegen, aber nicht, welcher Fluß in Halle fließt.

Potsdam 1989
Potsdam 1989

Nach der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und die Mauer noch im Kopf, weigert sich mein Geist auch heute noch, sich zum Deutsch-Sein oder zu diesem Land zu bekennen.
Einzig in den Tagen im Oktober und Anfang November 89 konnte ich etwas wie Stolz und Freude empfinden, in der DDR zu leben, und ich dachte zum ersten (und vielleicht letzten) Mal ohne Ironie „mein Land“. Den 4. November 89 erlebte ich in Potsdam: Hier wie überall im (DDR)Land ein wundersames Spektakel: Ein Menschenstrom, der die Häuser auf dem „Broadway“ zur Kulisse machte. An den Rand gedrängte Polizisten, die verzweifelt lächelten, als sie Spott und Blumen entgegennahmen. Flugblätter, die wir nicht zu verteilen brauchten: sie wurden uns aus den Händen gerissen (zugegeben: sehr zu unserer Verwirrung).
Der geballte Volkszorn entlud sich vor den Toren der Stasi; auf die Idee, zur Glienicker Brücke zu laufen, kam niemand. Und ein Wort, das jahrelang von der Macht mißbraucht worden ist und nur noch hohl in meinen Ohren klang, begann für ein paar Tage wieder zu leben: das Wort Wir. Die bekanntgewordene Definition dieses Wortes (Wir sind das Volk!), die so simpel wie trotzig und aufmüpfig klingt, hätte vielleicht zur Formel einer Revolution werden können, aber mit der Maueröffnung war die Revolution schon wieder vorbei: es ging plötzlich, von einem Tag auf den anderen, nicht mehr um die Selbstbestimmung dieses Volkes; die nationale Frage blähte sich fast von selbst auf und schob alles andere beiseite. Nach dem 9. November fragten die Leute auf der Straße nicht mehr nach dem Termin der nächsten Demo, sondern nach den günstigsten Einkaufsmöglichkeiten in Westberlin.

Am 10. November 89, einem Freitag, fuhren wir dann zu viert im Trabi „in den Westen“. Bis zu den Grenzhäusern in Dreilinden konnten wir es nicht glauben, daß sie uns „durchlassen“ würden, obwohl vor uns und hinter uns Autos fuhren, die ganz offensichtlich weder Mercedes noch Audi hießen. In diesem Moment dachten wir nicht an die nächste Demo und nicht daran, daß nun viel weniger Leute auf die Straße gehen würden; wir fuhren in einer Art Trance an dieser Mauer vorbei, Richtung Ku-Damm. Es war wie ein kindlicher Traum: schön und unwirklich.
Nach dem Anschluß der DDR an die Bundesrepublik scheint es dem Ostler etwa so zu gehen wie Kafkas Landvermesser K.: das Schloß vor Augen, kämpft er vergeblich darum, hineinzugelangen. Schon in dem Dorf, das vor dem Schloß liegt, stolpert er immer wieder über Spielregeln, die er weder begreifen noch akzeptieren kann. „Sie sind als Landvermesser aufgenommen, wie Sie sagen; aber, leider, wir brauchen keinen Landvermesser. Es wäre nicht die geringste Arbeit für ihn da…“
Von der Mauer befreit (die fast erschreckend plötzlich „verschwand“), sind wir scheinbar aufgenommen im eigenen Land, bleiben aber doch fremd, bleiben „draußen“.

(Zuerst veröffentlicht in: „BÜNDNIS 2000 – Forum für Demokratie, Ökologie und Menschenrechte“ am 23. 8. 1991)

Potsdam 1989
Potsdam 1989

zurück

to top